Hans Hermsen
Kapitel 02 — SchulbegleitungHans Hermsen

Kapitel 02

02

Neben einem Kind sitzen – jeden Schultag.

Nach 37 Jahren vor einer Gruppe sitze ich heute daneben. Als Schulbegleiter unterstütze ich ein Kind, das den Schulalltag allein nicht schafft. Nicht als Lehrer, nicht als Aufsicht, sondern als jemand, der da ist, wenn es nötig wird. Und wenn wir Musik machen, dann machen wir Musik, vor allem gerne in den Grundschulklassen zu verschiedenen Gelegenheiten wie „eine Nacht in der Schule“, Advent und Weihnachten.
Ein Tisch voller Percussionsinstrumente, daneben Gitarre und Geige auf Ständern: Melodica, Rasseln, Klanghölzer, Tamburin und Schellenkränze
Die Instrumente, mit denen wir Musik machen. Eigenes Foto von Hans Hermsen.
Was das istHans Hermsen

Ein Beruf, den es zu meiner Zeit nicht gab.

Schulbegleitung — je nach Bundesland und Träger auch Integrationshilfe oder Schulassistenz genannt — heisst: Ein Kind mit Unterstützungsbedarf bekommt für den Schulalltag einen Menschen an die Seite gestellt, damit es die Regelschule besuchen kann. Die Unterstützung wird als Eingliederungshilfe beantragt, in der Regel von den Eltern, und vom zuständigen Amt bewilligt.

Das ist die Verwaltungsseite. Die andere Seite ist ein Vormittag mit einem Kind, das morgens noch nicht weiss, wie dieser Tag wird. Dazwischen liegt fast alles, was diesen Beruf ausmacht.

Ein GesprächHans Hermsen

Im Gespräch

Sechs Fragen an einen, der wartet.

Was macht ein Schulbegleiter eigentlich den ganzen Tag?

Dasitzen. Das klingt nach nichts, ist aber die halbe Arbeit. Ich sitze neben einem Kind, das den Schultag allein nicht schafft, und bin da, wenn es kippt. Meistens kippt es gerade deshalb nicht, weil ich da bin — das ist der Trick an der Sache, und deshalb sieht die Arbeit von aussen nach nichts aus.

Und die andere Hälfte?

Übersetzen. Die Lehrkraft sagt einen Satz für dreissig Kinder. Für eines davon ist dieser Satz zu schnell, zu laut oder zu ungenau. Ich sage ihn noch einmal, anders, leiser, für einen. Das ist keine Nachhilfe, das ist Zugänglichmachen — der Stoff bleibt derselbe, nur der Weg dorthin wird begehbar.

Braucht man dafür 37 Jahre Schulerfahrung?

Nein. Aber es hilft ungeheuer, dass ich weiss, wie eine Klasse tickt und wie es einer Lehrkraft geht, die gerade dreissig Kinder und mich im Raum hat — 37 Jahre Oberstufen-Kolleg hinterlassen so etwas. Ich bin nicht die Aufsicht und nicht die zweite Lehrkraft. Ich bin ein zusätzliches Paar Ohren für genau ein Kind.

Was ist das Schwerste?

Sich zurückzunehmen. Man will helfen, und dann hilft man zu früh. Ein Kind, dem man zu schnell hilft, lernt nur eines: dass es selbst nicht kann. Also warte ich. Manchmal ist Warten die anstrengendste Tätigkeit des Tages, und niemand im Raum sieht, dass ich gerade arbeite.

Ein Kind, dem man zu schnell hilft, lernt nur eines: dass es selbst nicht kann.

Hans Hermsen über Schulbegleitung

Und das Schönste?

Wenn ich überflüssig werde. Es gibt Tage, da braucht mich das Kind zwei Stunden lang nicht. Das sind die guten Tage. Das Ziel dieser Arbeit ist ihr eigenes Ende — man muss sich damit anfreunden, sonst macht man sie falsch.

Und wenn ihr Musik macht — wird es dann still?

Nein, im Gegenteil. Dann machen wir Musik: mit Trommel, Xylophon, Klanghölzern, Schellenkranz und meiner Gitarre. Alle machen mit, und es darf laut sein. Ein Kind, das im Unterricht kaum ein Wort sagt, hält auf einer Trommel manchmal den ganzen Takt. Musik ist vielleicht das Einzige in der Schule, das man nicht falsch machen kann, solange alle zusammen anfangen und zusammen aufhören.

Der gedeckte Instrumententisch von oben: Tamburin, Rasseln, Klanghölzer und Melodica, davor eine Ukulele, rechts Gitarre und Mandoline auf Ständern
So steht der Tisch, bevor die Kinder kommen: Ukulele, Gitarre und Mandoline daneben.Eigenes Foto von Hans Hermsen.
Nahaufnahme der Percussionsinstrumente: Melodica, Schellentrommel, Triangel, Guiro, Klanghölzer und Schellenkränze auf dem roten Tuch
Trommel, Xylophon, Klanghölzer, Schellenkranz — jedes Kind findet etwas, das es halten kann.Eigenes Foto von Hans Hermsen.
Wie ich arbeiteHans Hermsen

Vier Grundsätze, an die ich mich halte.

01

Erst zuhören, dann handeln

Ich mische mich nicht in den Unterricht ein. Ich beobachte, was ein Kind gerade braucht — und oft ist das gar nichts. Wer als Begleitung ständig eingreift, macht aus einem Kind mit Unterstützungsbedarf ein Kind mit Aufpasser.

02

Absprache mit der Lehrkraft

Vor dem ersten Tag rede ich mit der Klassenleitung: Was darf ich, was nicht, wo sitze ich, wann gehe ich mit hinaus. Ohne diese Absprache funktioniert es nicht — dann konkurrieren zwei Erwachsene im selben Raum um dieselbe Autorität.

03

Verlässlichkeit vor Methode

Für ein Kind, das Halt braucht, ist die wichtigste Eigenschaft, dass jemand jeden Morgen da ist und sich gleich verhält. Alles andere kommt danach. Mit achtzig bin ich nicht mehr der Schnellste. Aber ich bin da.

04

Diskretion

Was in der Klasse passiert, bleibt in der Klasse. Über das Kind, das ich begleite, steht auf dieser Seite nichts — kein Name, kein Alter, keine Diagnose, keine Anekdote. Das ist nicht nur Höflichkeit. Es ist eine Bedingung dieser Arbeit.

37 Jahre davor stand ich vorne

Wie es dazu kam und was am Oberstufen-Kolleg anders war, steht in Kapitel 01.

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