Hans Hermsen
Kapitel 01 — Oberstufen-KollegHans Hermsen

Kapitel 01

01

37 Jahre an einer Schule, die anders sein wollte.

Eine Versuchsschule des Landes an der Universität — Kurse statt Klassen, und am Ende für die Kollegiatinnen und Kollegiaten ein Abitur Plus. Ich war von 1974 bis 2011 dabei — als Lehrender, als Forschender und als der, der die Lieder arrangiert und gesungen hat.
Archivaufnahme in Schwarzweiss: eine weite, offene Halle mit Sheddach, Galerieebene und Arbeitsplätzen ohne Trennwände
Die offene Lernlandschaft, Archivaufnahme. Eigenes Foto von Hans Hermsen.
Auf einen BlickHans Hermsen

Die Schule

Oberstufen-Kolleg — Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen und wissenschaftliche Einrichtung der Universität Bielefeld, gegründet 1974.

Meine Zeit dort

Von 1974 bis 2011 — 37 Jahre als Lehrender, Forschender und als der, der die Lieder arrangiert und gesungen hat.

Die Lieder

Fast fünfzig Lieder sind am Kolleg entstanden. Die Texte stammen von Felix Winter, arrangiert und gesungen haben wir sie gemeinsam.

Mein Fach

Psychologie — mit einem Thema, für das es kein Fach gab: wie Menschen lernen, wenn niemand sie zwingt.

Die Form

Kurse statt Klassen, junge Erwachsene statt Kinder, Wahl statt Zuteilung — und eine offene Lernlandschaft statt Klassenzimmern.

Eine Schule, die es so noch nicht gab

Das Oberstufen-Kolleg wurde 1974 gegründet, als Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen und zugleich als wissenschaftliche Einrichtung der Universität. Beides gleichzeitig — das war die ganze Idee und die ganze Schwierigkeit. Es war eine Schule mit Stundenplan und Zeugnissen, und es war eine Forschungsstelle, in der man prüfen wollte, ob es auch anders geht.

Das Oberstufen-Kolleg war ein Versuch, junge Menschen ein Abitur Plus zu ermöglichen. Sie machten nicht nur Abitur, sondern mit dem Abschluss erreichten sie manchmal sogar das Vordiplom oder die Zwischenprüfung in ihrem jeweiligen Fach, nicht in jedem, aber in vielen.

Für die meisten von uns hiess das: Man unterrichtete nicht einfach, man musste auch begründen, warum man so unterrichtete und nicht anders. Das ist anstrengend. Es ist aber auch das Einzige, was einen davor bewahrt, jahrelang denselben Fehler zu wiederholen.

Und gearbeitet wurde nicht in Klassenzimmern. Das Kolleg war eine offene Lernlandschaft: ein grosser, heller Raum mit niedrigen Trennwänden, Arbeitstischen, einer Galerieebene. Keine Türen, keine Bankreihen, kein Katheder. Wer dort unterrichtete, stand mitten im Haus.

Hans Hermsen vor einer hellgrauen Wand
Hans Hermsen.

Wer freiwillig kommt, kommt nicht, weil er muss. Das ändert alles daran, wie man unterrichtet.

Wer hierher kam und warum

Wer ans Kolleg kam, hatte meistens eine Geschichte hinter sich: eine Lehre abgebrochen, eine Schule verlassen, ein paar Jahre gearbeitet, ein Kind bekommen. Es waren keine Kinder mehr, und man konnte auch nicht mit ihnen umgehen wie mit Kindern. Manche waren zwanzig, manche fünfundzwanzig, und fast alle hatten mindestens einmal gehört, dass sie für Schule nicht gemacht seien.

Das war die Chance und die Zumutung gleichzeitig. Wer freiwillig da ist, kommt nicht, weil er muss — der kommt, weil das, was im Raum passiert, es wert ist. Diese Messlatte hat mich 37 Jahre begleitet, und sie ist unbarmherzig: Eine langweilige Stunde konnte man am Kolleg nicht mit Anwesenheitspflicht auffangen.

Kurse statt Klassen

Es gab keine Klassen im gewohnten Sinn, sondern Kurse, die man wählte. Wer wählt, entscheidet — und wer entscheidet, verantwortet. Das klingt nach Pädagogen-Sprech, aber im Alltag hiess es schlicht: Niemand sass bei mir ab.

Mein Fach war die Psychologie. Mein eigentliches Thema war aber immer dasselbe, und dafür gab es kein Fach: wie Menschen lernen, wenn niemand sie zwingt. Also habe ich es zwischen den Fächern gemacht — im Kursgespräch, in Projekten, bei Schulfesten, in den Pausen, auf dem Flur. Die wichtigsten Sätze eines Schuljahres fallen selten im Unterricht.

Lehren und untersuchen zugleich

Weil das Kolleg eine Versuchsschule war, gehörte das Forschen zum Dienst. Man unterrichtete nicht nur, man schaute sich auch an, was der Unterricht anrichtet, und schrieb es auf.

Das ist eine seltene Freiheit gewesen und zugleich eine unbequeme: Man kann sich schlecht etwas vormachen, wenn man die eigenen Ergebnisse dokumentieren muss. Ich habe in diesen Jahren mehr über meine eigenen Irrtümer gelernt als über die meiner Kollegiatinnen und Kollegiaten.

Aufgeschrieben wurde in diesen Jahren einiges. Die vollständige Liste — Aufsätze, Bücher, Beiträge, Rezensionen und die Vorträge auf Tagungen — steht im Anhang.

Nachzulesen ist davon einiges: Dr. Wolfram Wagner hat mich über Jahre für seine Bücher interviewt, erschienen bei tredition, Hamburg. Mehr dazu steht in Kapitel 05.

Wo das Singen anfing

Zu jedem Schulfest gehörte Musik, und irgendwann gehörte ich zur Musik. Zusammen mit Felix Winter sind über die Jahre fast fünfzig Lieder entstanden: Die Texte hat er geschrieben, arrangiert und gesungen haben wir sie mit Begeisterung, bis heute. Eines davon war „Lernen in der Region“ — ein Lied für die Schule, gesungen von Leuten, die sonst nichts miteinander sangen. Für Schulfeste, für Projekte, für Abschiede kamen über die Jahre die anderen dazu und nicht zuletzt das Lied „weil das Haus, das man liebt, einem kein Feeling mehr gibt“ (OS-Hymne).

Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was ein Lied in einem Raum anrichtet, in dem gerade noch diskutiert wurde. Die Lieder, die ich heute singe, sind allerdings älter (Mey, Süverkrüp, Degenhardt, Wader — die habe ich schon gesungen, bevor ich hier anfing), aber ich singe auch aktuelle wie „Ich kann alles schaffen, wenn ich an mich glaub“.

CD-Hülle mit rotem Grund: vier Porträtfotos, darüber der Titel „Ich hab auf’s OS gesetzt“, darunter „Hans & Felix“
Meine CD: „Ich hab auf’s OS gesetzt“ — Hans & Felix.Aus dem Archiv von Hans Hermsen.
Rückseite der CD mit der Liste der elf Lieder, kleinen Fotos vom Kolleg und den Angaben zu den Mitwirkenden
Die Rückseite mit den elf Liedern: Gesang, Gitarre und Akkordeon von mir, Texte von Felix Winter.Aus dem Archiv von Hans Hermsen.

Und was geblieben ist

Aus dem Dienst bin ich lange raus. Geblieben sind die Menschen: Kollegiatinnen und Kollegiaten, die inzwischen selbst Enkel haben und sich manchmal melden. Genau für die ist diese Seite gemacht — und für alle, die wissen wollen, wer ich sonst noch bin.

Wenn du mich von damals kennst: Ruf an oder schreib mir. Es geht mir gut, ich wohne inzwischen in Knittlingen im Kraichgau, und ich erinnere mich an mehr, als du denkst.

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